Sozialer Wohnungsbau und Bauboom

Bis 1929 lagen alle städtebaulichen Konzeptionen in der Hand des Stadtbaudirektors Karl Dröner, der zwar bereits vor dem Ersten Weltkrieg sein Amt antrat, aber erst ab 1918 planerisch in Erscheinung trat. Kaum lösbar war für die städtische Administration der zunehmende Verfall der oberen Stadt. Forderungen nach einer „Altstadtsanierung“ wurden zwar seit den 20er Jahren wiederholt erhoben, konnten aber vor den 1990er Jahren nie in Angriff genommen werden. Um die Wohnsituation zahlreicher Arbeiter- und Hausindustriellenfamilien zu verbessern entstanden mehrere Wohnanlagen in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße und der Herrnaustraße sowie ein ganzer Stadtteil auf der Wehd. Finanziert waren die Reihenhäuser über Genossenschaften, so dass auch ärmere Familien sich das Wohneigentum leisten konnten. Die Architekten Karl Dröner und Walter Buchholz ließen sich bei der Planung dieser Reihenhauskomplexe von der Gartenstadtidee inspirieren. Sowohl die Wohnanlagen am Rande der Innenstadt wie erst recht der Stadtteil Wehd waren als komplexe, in die Umgebung eingebundene und in sich geschlossene Komplexe konzipiert.

In der Innenstadt setzte in den frühen 1920er Jahren ein regelrechter Bauboom ein, der zu einem großen Teil auch durch die Stadt Sonneberg selbst getragen wurde. Mit der Bebauung des Bahnhofsplatzes durch ein Speditionsgebäude, das später zur AOK-Geschäftsstelle [Abb. 1] umgebaut wurde (1922/23 und 1926/27), das Geschäftshaus des us-amerikanischen Kaufhauskonzerns Woolworth (1924-26, 1945 zerstört) und das neue Rathaus (1927/28) [Abb. 2] wurde eine repräsentative Stadteingangssituation am Bahnhof [Abb. 3] geschaffen. Entworfen haben diese repräsentativen Bauten die einheimischen Architekten Karl Dröner und Walter Buchholz sowie das Büro Boxberger & Herbart. Die Büros von Buchholz und Boxberger & Herbardt verantworteten auch das in zwei Bauabschnitten 1921 und 1927/28 errichtete Geschäftshaus des us-amerikanischen Unternehmens S. S. Kressge & Co. (Gustav-König-Straße 10).

Dass solch voluminöse Bauten in einem eher kleinstädtischen Umfeld entstanden, kann nicht losgelöst von der politischen Situation der Weimarer Demokratie gesehen werden. Die bis Ende der 1920er Jahre von Sozialdemokraten und Linksliberalen dominierte Stadtverwaltung verfolgte mit den repräsentativen Bauten auch eine Zeichensetzung im Sinne der Demokratie. Dies verdeutlicht auch die von Edmund Meusel geschaffenen Allegorien Weisheit und Gerechtigkeit im Foyer sowie die Reliefs im Treppenhaus, die kommunale Demokratie und Stadtverwaltung sinnfällig mit Kinderfiguren umsetzten. Allerdings führten die erheblichen Baukosten (sozialer Wohnungsbau und neues Rathaus) auch zu einer Überschuldung der Kommune, die von den Nationalsozialisten agitatorisch missbraucht wurden, um die sozialdemokratische Stadtadministration zu denunzieren. Die Stadt Sonneberg kam 1929-31 unter Zwangsverwaltung und im Stadtrat kam es zu einer rechtsbürgerlich-nationalsozialistischen Koalition.

Ästhetisch prägend waren seit den 1920er Jahren vor allem die Formen der Art déco, die sich bis heute nicht nur an sehr vielen Fassaden, sondern auch in manchen Innenräumen finden. Diese Formen zeigen besonders markant das Kressge-Gebäude in der Gustav-König-Straße, das ehemalige Autoparkhotel (heute Polizeiinspektion) in der Bismarckstraße und die Innenräume des neuen Rathauses. In ihren eleganten Formen kam die Art déco dem Bedürfnis nach einer gleichermaßen zeitgemäßen wie eleganten Ästhetik der Sonneberger Bürger entgegen. Demgegenüber spielten Einflüsse der Bauhaus-Ideen kaum eine Rolle. Allerdings haben die Bauherren wie die Architekten auch diese Formen der Zeit reflektiert. In seinen kubischen Konturen wie auch im Raumprogramm lässt das 1929 nach Plänen des Sonneberger Architekten Albin Forkel errichtete Wohnhaus des Rechtsanwalts Otto Möller (Schönbergstraße 58) Anleihen an das „Neuen Bauen“ erkennen. Ähnlich ist auch die 1931/32 erbaute Hauptpost (Gustav-König-Straße 42) der „Neuen Sachlichkeit“ zuzuordnen. An beiden Gebäuden finden sich aber gleichermaßen auch Formen der Art déco. Bezeichnend war, dass die Planung der Reichspostdirektion Erfurt für die Hauptpost, die übrigens zeitgleich mit einem sehr ähnlichen Gebäude in Meiningen entstand, auf deutliche Ablehnung im Stadtrat wie unter den einheimischen Architekten stieß. Sonneberg erschien während der 1920er Jahre auf dem Gebiet der Architektur weitaus konservativer als etwa die Mitte und der Osten Thüringens. Der konservativen Wende in der Architektur entsprach auch die Hinwendung zu Neuklassizistischen Formen, die sich in Thüringen – ausgehend von der Hochschule in Weimar – bereits vor dem Ersten Weltkrieg formiert hatten. Auch die Fassade des neuen Rathauses am Bahnhofsplatz entsprach mit seiner Kolossalgliederung dieser Ästhetik. Neuklassizistische Formen dominierten dann während der 1930er Jahre zunehmend. Vollends dem durch die Nationalsozialisten politisch präferierten Neuklassizismus entsprach die 1938/39 nach Plänen des Berliner Architekten Kurt Krauße errichtete Geschäftsstelle der IHK (Gustav-König-Straße 27).