Historismus in der Weltspielzeugstadt

Trotz ihrer markanten städtebaulichen Präsenz blieb die klassische Neugotik in Sonneberg nur eine kurze Episode. Es waren neben der späteren Neugotik eher die Neostile von Neurenaissance bis Neubarock die das Stadtbild während der Hochblüte der Weltspielzeugstadt bestimmten. Mit ihrer Vorliebe für den Historismus folgte das Sonneberger Bürgertum dem architektonischen Mainstream im Deutschen Kaiserreich nach 1871. Neurenaissance und Neubarock kamen zudem mit ihren üppigen Formen auch dem Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums entgegen, das sich nunmehr als „neuer Adel“ damit wirkungsvoll in Szene setzen konnte. Bevorzugter Architekt für öffentliche Bauten und die Villen der Unternehmereliten war ab 1880 der aus Sonneberg stammende Albert Schmidt (1841-1913). Schmidt, der seinen Lebensmittelpunkt in München hatte und dessen Baugeschäft in Sonneberg eine Filiale unterhielt, darf als idealtypischer Vertreter historistischer Architektur angesehen werden. Wie sein akademischer Lehrer, der Architekturtheoretiker Rudolf Wilhelm Gottgetreu, sah Schmidt im Studium der Kunstgeschichte eine wesentliche Grundlage für das eigene architektonische Schaffen. Er plante „im historistischen Sinne moderne Architektur“ (Ingo Schmitt). Entsprechend eng lehnten sich Schmidts Bauten an Vorbilder aus Renaissance und Barock an. Als größere öffentliche Bauten konzipierte Schmidt so 1899-1901 die Industrieschule (Beethovenstraße 10, heute Deutsches Spielzeugmuseum) [Abb. 1], 1905/06 die Lohauschule (Oberlinder Straße 10) [Abb. 3] und 1912/13 die Handelsschule (Beethovenstraße 12) [Abb. 2] sowie im damals noch eigenständigen Oberlind 1890/01 die Marktschule (Johann-Sebastian-Bach-Straße 9) [Abb. 4]. Ähnlich seinen Villenbauten waren Schmidts Schulbauten als städtebauliche Dominanten konzipiert, folgten aber auch, wie die Lohauschule zeigt, modernen Schulbaukonzepten. Weit konsequenter noch als in seinen öffentlichen Bauten vermittelte Schmidt in den von ihm konzipierten Villen den Bestand an historistischen Formenvorrat für seine Zeit. Zwischen 1885 und 1903 entwarf Schmidt insgesamt sechs Villenbauten für einheimische Unternehmerfamilien: 1884 für den Kaufmann Craemer (Weißer Rangen 34/Musikschule) [Abb. 5], 1885 für den Porzellanfabrikanten Carl Günther Schoenau in Hüttensteinach (Spitzbergstraße 3), 1887 für den Kaufmann Ernst Dressel sen. (Kirchstraße 30), 1896 für den Kaufmann Ernst Friedrich Dressel jun. (Eller 3) [Abb. 6] sowie 1900 für den Kaufmann Otto Dressel (Eller 4) und Wilhelm Dressel (Schanzstraße 12). Zugeschrieben wird ihm auch die Villa für den Porzellanfabrikanten Armand Marseille (Köppelsdorfer Straße 197a). Dazu kommt der 1903 realisierte Anbau an die Villa Amalie (Kirchstraße 32) sowie zahlreiche Wohn- und Geschäftshäuser in der Sonneberger Innenstadt. Schmidts Villenbauten boten den bürgerlichen Familien neben einem repräsentativen Wohnsitz gleichermaßen auch einen abgeschotteten Lebensraum, zu dem auch teils umfangreiche Parkanlagen (Eller) gehörten.

Da Spielzeugherstellung und -handel auch während und nach der Hochindustrialisierung von einer dezentralen Struktur (Verlag und Hausindustrie) gekennzeichnet waren und die Technologie der Branche auch in den Spielzeugfabriken eine handwerkliche blieb, entstanden im Gegensatz zu vergleichbaren Industriestädten keine separaten Industrie- und Gewerbegebiete. In der Sonneberger Innenstadt entwickelte sich daher zwischen 1871 und 1914 eine regelrechte Gemengelage von Wohn- und Gewerbebebauung. Kennzeichnende Strukturen waren teilweise sehr repräsentative Wohn- und Geschäftshäuser an den Straßen und zweckmäßigen Fabrikations- und Lagergebäuden in Hinterhofbereichen. Besonders in der Cuno-Hoffmeister-Straße oder an einzelnen Gebäuden in der Karl- und Bernhardstraße sind diese Bebauungsstrukturen noch heute erkennbar. Das klassische Wohn- und Geschäftshaus des Kaiserreichs in Sonneberg war ein mehrgeschossiges Massiv- oder Fachwerkgebäude mit Krüppelwalmdächern, deren Fassaden mit Klinkern verblendet waren. Daneben sind aber auch verputzte Fassaden mit Sandsteingliederung errichtet worden. Die in zahlreichen Ziegeleien der Region hergestellten Klinker ermöglichten eine sehr kreative Fassadengestaltung, die mit unterschiedlichen, auch farblich unterschiedlichen Formsteinen und Zierfachwerk spielte. Sehr häufig wurden plastische Elemente eingesetzt, die in Gestalt von Hermesköpfen oder -stäben auf den Kaufmannsberuf anspielten.