Biedermeier und Neugotik

Prägende Ästhetik war während der 1830er und 1840er Jahre ein klassizistisches Biedermeier, wie sie herausragend neben den drei Lindnerschen Villen (Coburger Straße 31, 32 und 35) [Abb. 3] auch noch an dem ehemaligen Geschäftsgebäuden Müller & Straßburger (Untere Marktstraße 7 und 9) abzulesen ist. In der heutigen Wahrnehmung wird die Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch durch die Neugotik repräsentativer Bauwerke repräsentiert. Diese stehen in Verbindung mit der Persönlichkeit des Architekten Carl Alexander von Heideloff (1789-1865), der damals zu den bedeutendsten Vertretern dieser Architektur in Deutschland gehörte. Herzog Bernhard II. von Sachsen-Meiningen hatte ihn für den Neubau der 1840 abgebrannten Stadtkirche gebunden. Am neuen Standort am Hang des Schönbergs entsprach St. Peter [Abb. 1] der nach dem Vorbild der Nürnberger Lorenzkirche und in Anlehnung an mittelalterliche Zahlensymbolik den Idealvorstellungen Heideloffs von einem Kirchenbau. Inspiriert waren diese Konzepte von einer romantischen Religiosität, die im Mittelalter, insbesondere in der Spätgotik sowohl ein politischen wie theologisches Vorbild sah. In einer Zeit, in der die politische Einheit Deutschlands auf der politischen Agenda stand und in der über eine Überwindung der konfessionellen Spaltung der christlichen Kirchen diskutiert wurde, glaubte man im Mittelalter einen Nationalstaat und eine einheitliche National-Kirche zu erkennen. Verbunden mit dem gekonnt in die Landschaft hineinkomponierten Kirchenbau versuchte Heideloff auch städtebauliche Akzente zu setzen. Allerdings blieben seine Vorstellungen von einem auf die Stadtkirche zulaufenden Stadtgrundriss und eine als weltliches Pendant gedachte „Burganlage“ auf dem Schlossberg Fragment. Überreste dieser Planungen sind die auf die Stadtkirche zulaufende Charlottenstraße und der Turmbau auf dem Schlossberg, um den bis Mitte des 20. Jahrhunderts mehrere Gebäude entstanden. Ein nach Heideloffs Entwürfen entstandenes Schützenhaus am Schlossberg wurde 1950 abgebrochen. Dagegen konnte der Stararchitekt im Bereich des nach dem Stadtbrand 1840 wieder aufgebauten alten Stadtzentrums um Markt und Breite Straße architektonische Akzente setzen. Das am Markt errichtete Rathaus [Abb. 2] entstand 1844/45 nach Entwürfen Heideloffs ebenfalls in neugotischen Formen.