Architektonische Reformansätze – Heimatstil und Jugendstil

Die klassische Moderne in der mitteleuropäischen Architektur etablierte sich seit Ende des 19. Jahrhunderts vor allem an Kritik und Reform der historischen Architekturdoktrin. Zu den Reformansätzen gehörte auch der sogenannte Heimatstil, der einerseits mit dem Rückgriff auf lokale Bautraditionen (Fachwerk) einem Unbehagen mit Modernisierung und Industrialisierung einen Ausdruck verschaffte, damit aber zugleich sich vom Stileklektismus des Historismus abgrenzte. Die Übergänge sind fließend, wie die noch stark eklektischen Fassaden mehrerer zwischen 1893 und 1897 vom Zimmermeister Fritz Müller konzipierte und errichteten Wohnhäuser in der Coburger Allee (Nr. 30, 32, 34, 36 und 38) [Abb. 1] zeigen. Formen des Heimatstils konnten sich aber auch mit anderen Reformansätzen wie den in der Natur seine Vorbilder suchenden organischen Jugendstil (Marienstraße 7) [Abb. 2] zeigte. Der Jugendstil selbst war dann in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg schließlich der dominierende Geschmack von Bauherren und Architekten geworden zu sein, wie besonders die Fassaden am Juttaplatz [Abb. 3], aber auch manche Bleiglasfenster in Jugendstilformen zeigte.

Für die Spielwarenherstellung und damit auch die wirtschaftliche Potenz der Stadt Sonneberger bedeutete der Erste Weltkrieg eine Zäsur. Allerdings stand die Stadt Sonneberg nach dem Kriegsende nicht nur vor wirtschaftlichen Problemen. Durch das teilweise explosive Bevölkerungswachstum und die Verschiebung der Zentrumsfunktionen in den südlichen Stadtteil hatten sich städtebauliche Probleme seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aufgestaut. Dem administrativen Zentrum um (altes) Rathaus, Landratsamt und Amtsgericht am Marktplatz stand ein um Coburger Straße/Coburger Allee und Bahnhofstraße zentriertes geschäftliches Zentrum entgegen. Die 1872 konzipierte Fortschreibung der Stadterweiterung trug zwar dieser Schwerpunktverschiebung Rechnung, aber der als „zentraler Platz“ vorgesehene Juttaplatz konnte diese Zentrumsfunktion nie erfüllen. Zudem war mit der Verlagerung des Bahnhofs von der Coburger Allee an den heutigen Bahnhofsplatz 1907 eine neue infrastrukturelle Situation entstanden. Zu lösen waren deshalb ab 1918 neben der prekären Wohnungssituation der Arbeiter und Hausindustriellen, die in teilweise unter hygienisch bedenklichen Umständen leben mussten, auch die Verbindung der gründerzeitlichen Stadterweiterung mit der Bebauung am neuen Bahnhof und der Robertstraße (heute Cuno-Hoffmeister-Straße).